Macher der ersten Stunde: Dr. Christian Kirchner

Beim Talk "Hör mal zu" zahlreiche Botschaften an die heutigen lokalen Politiker und Akteure
An der Leinwand ein Foto aus vergangenen Zeiten: Dr. Christian Kirchner auf einer Schwalbe vor dem Moorbad. Am 4. April war er im Scharwenka Kulturforum im Gespräch mit Elke Schlegelmilch. Fotos (3): Waltraut Tuchen, Ruth Buder (6)

Dr. Christian Kirchner begeistert immer noch Menschen. Damals wie heute. Damals, als erster Kurdirektor in Bad Saarow. Heute beim Talk „Hör mal zu“ am 4. April vor ausverkauftem Scharwenka Kulturforum. In den ersten Jahren nach der politischen Wende gehörte er zu der kleinen Gruppe von Machern, die zwischen 1994 und 2001 den Kurort Bad Saarow sichtbar entwickelten. In einem heute unvorstellbaren Tempo. In relativ kurzer Zeit wurde die Catharinen-Quelle eingeweiht, die Saarow-Therme als erste in Brandenburg gebaut und die staatliche Anerkennung als Kurort erworben. In diesen Jahren wurden auch das Theater am See errichtet und das historische Moorbad saniert und der Uferwanderweges angelegt.

Bis auf den letzten Platz war der Konzertsaal gefüllt.
Auch Gäste aus Frankfurt (Oder) interessierten und amüsierten sich: Heike und Rainer Lamprecht.
Der 215 Seiten dicke Saarower Kurortrahmenplan galt anderen Kommunen später als Muster-Konzept.

Im Gespräch mit Elke Schlegelmilch, die ihn und die rasanten Entwicklungen in Bad Saarow während ihrer Zeit als Redakteurin der Märkischen Oderzeitung intensiv begleitet hat, schilderte Dr. Kirchner, wie er nach Saarow gekommen ist. Er sei im Rahmen eines Projektes vom zuständigen Ministerium angerufen worden, die Kurortentwicklung zu unterstützen, als Fachmann, nicht als „Besserwessi“. Damals habe er vor der Wahl gestanden, nach Bayern oder Bad Saarow zu gehen. Er wohnte in Berlin und entschied sich mit seiner Frau Corinna für den Scharmützelsee. Und warum? „Hier ist es wunderschön und es war die einmalige Herausforderung, einen Ort zu entwickeln.“ Als Planungsingenieur habe er immer vor Augen gehabt, alles als  Gesamtprojekt zu sehen. Eng zusammen mit dem damals frisch gewählten Bürgermeister Axel Walter – auch er war Gast an diesem Abend – ging er ans Werk. Grundlage war der 215 Seiten dicke Kurortrahmenplan, den Dr. Kirchner mitgebracht hatte. „Wir waren der erste Ort, der sich eine leitgebende Planung gegeben hat. Der Plan galt später auch für andere Orte als Musterkonzeption.“

Axel Walter, Chef der Kur GmbH (l.), mit dem Saarower Urgestein Paul Edinger

Die Chance auf Geld in dieser Zeit des Aufbruchs sei groß gewesen. Und Kirchner nutzte seine Beziehungen bis in Bundeskanzleramt. Zur Sprache kam auch eine damals geplante Idee: eine Fontäne im See. Dazu sagte Kirchner, dass man per Webcam und übers Internet heute richtig Geld verdienen könnte. „Die Fontäne schnellt immer wieder in die Höhe, wenn der Nutzer Geld spendet.“ Neben den spannenden Geschichten mahnte Kirchner an, nie die Wahrung der öffentlichen Interessen außeracht zu lassen und die Menschen bei der Weiterentwicklung des Ortes mitzunehmen. Ein Beispiel sei der Uferwanderweg, der eigentlich bis zum Markgrafenplatz gehen sollte. Aufgrund privater Interessen, ist es zu der attraktiven Verlängerung nicht gekommen. Die Visionen für Bad Saarow sind Kirchner noch nicht ausgegangen, das zeigten seine Antworten auf die Fragen der Besucher. Prof. Stefan Koch fragte zum Beispiel: „Ist im Kurort noch das drin, was draufsteht?“ Ja, sagte Dr. Kirchner, aber es ließe sich mehr draus machen. Es sei aus auch aus heutiger Sicht richtig gewesen, keine Rehaklinik zu errichten, der Trend gehe mehr zu ambulanten Kuren. Österreich mache vor, wie gut es funktioniere: Die Patienten mieteten sich in ein Hotel ein und nutzen unter Betreuung von Badeärzten die medizinischen und sportlichen Angebote im Ort. Diese Variante sei auch günstiger für Krankenkassen, in einer Rehaklinik koste ein Aufenthalt heute zwischen 8000 und 10000 Euro. Mit dem Klinikum vor Ort hätte Bad Saarow beste Voraussetzungen, diese Schiene zu entwickeln.

Plauderei am Schluss: Dr. Kirchner mit dem neuen Tourismusmanager Steffen Seifert und Gemeindevertreter Bernd Gestewitz (v.l.)

Dr. Peter Grabley, einer der ältesten Gäste, wandte sich auch an Kirchners Frau und lobte ihr Engagement bei der Gründung der aktiven Initiative „Frauen am Märkischen Meer“. Diese gibt es leider nicht mehr. „Nicht so viel jammern, machen und die Bürger einbeziehen“, das war Dr. Kirchners Botschaft an diesem Abend, der mit einem kleinen Film aus den 1990er Jahren eingeleitet und von Egbert Steinick am Bechstein-Klavier begleitet wurde. Nach dem offiziellen Teil stand Dr. Kirchner für Gespräche und Fragen zur Verfügung. Auch Bürgermeister Christian Schroeder und der Geschäftsführer der neuen Tourismusmanagement GmbH, Steffen Seifert, tauschten sich aus. Immer wieder gab es freundliches Händeschütteln und Umarmungen. Auch von Gudrun Jachmann, die unter Kirchner in der Kur-GmbH gearbeitet hatte: „Er war ein wunderbarerer Chef.“

Musikalisch begleitete die Veranstaltung der Pianist und Klavierlehrer Egbert Steinick.
Blumen für die Moderatorin Elke Schlegelmilch (l.) und eine hochprozentige Moorleiche für ihren interessanten Gesprächspartner, überreicht von Vereinsmitglied Sylvia Hauer.

„Und würden Sie sich heute noch mal für Bad Saarow entscheiden“, fragte Elke Schlegelmilch ihren Gesprächspartner. Die Antwort war eindeutig: „Ja, ich würde wiederkommen.“