
Bevor das Scharwenkahaus (erbaut um 1910) nach umfassender Sanierung 2014 ein Kulturforum wurde, wurde es viele Jahre anders genutzt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden hier von 1945 bis 1948 in dem offenbar leerstehenden Haus Flüchtlinge und Vertriebene einquartiert, von 1950 bis 1961 war es Verpflegungsstützpunkt für Urlauber, die privat wohnten. Von 1961 bis 1991 befanden sich hier die beliebten „Weinstuben und Café Peters“.


Aber wie sah das Café damals aus, wer bewirtschaftete es und wer kehrte dort ein? Um dieses Stück Vergangenheit zu erhellen bzw. nicht gänzlich in Vergessenheit geraten zu lassen, luden einige Vereinsmitglieder Zeitzeugen zu einem „Erzähl-Café“ bei Kaffee und Kuchen ein. Gekommen waren Dieter Fritz (87), Klaus (85) und Bärbel (84) Rattemeyer (85), Helga (85) und Paul (87) Edinger, Margit (64) und Mathias (66) Heide, Renate Eichholz (71), Lutz Storr (87) und Martin Kramberg, Historiker aus Leidenschaft. Bevor sie in Erinnerungen zum Thema „Café Peters“ schwelgen durften, gab es einen Einblick in die Chronik des langjährigen und 1998 verstorbenen Ortschronisten Reinhard Kiesewetter. Dessen ortsgeschichtliche Sammlung befindet sich im Privatbesitz und wird von seiner in Fürstenwalde lebenden Tochter Elisabeth Berner verwaltet. Ihr Vater hatte am 15. Dezember 1996 ein Gespräch mit dem Betreiber des Cafés, Wilhelm Peters, geführt und folgendes von ihm erfahren:
Wilhelm (Willi) Peters, Jahrgang 1914, war zwölf Jahre bei der Marine im Sanitätsdienst und ging nach dem Krieg nach Stralsund zurück. Durch einen Bekannten, dem er das Leben gerettet hatte, wurde er bei der Sozialversicherungskasse (SVK) der Gewerkschaft in verschiedenen Funktionen eingesetzt, arbeitete am Aufbau von Kureinrichtungen mit, z.B. in Bad Wilsnack und Bad Freienwalde. Über diesen Weg kam er auch nach Bad Saarow. 1949 sollte im Auftrag des DDR-Staatschefs Walter Ulbricht die TBC-Heilstätte Neu Golm (Schloss Neu Golm) kontrollieren und das Gebiet um den Scharmützelsee zum „Bad der Werktätigen“ entwickeln. Dazu erklärte er sich bereit, wenn er nicht Kurdirektor werden muss und nicht länger als zwei Jahre gebunden ist. Viele Häuser standen in Bad Saarow noch leer, Einwohner wurden aufgefordert, für Urlauber Betten zur Verfügung zu stellen. Verpflegung erfolgte in Stützpunkten, so auch im Scharwenkahaus. Nach Absprache mit dem sowjetischen Kommandeur konnten die deutschen Patienten das Moorbad von 11-15 Uhr nutzen. Pro Jahr wurden 400 Gäste in einem dreiwöchentlichen Durchgang betreut.

1953 mit Beginn des Baus des Zentralen Lazaretts (ZL/ heute Helios Klinikum) wurde die Aktion abgeblasen, es war Schluss mit dem Kurbetrieb. Peters, der mit seiner Frau zu diesem Zeitpunkt in einem Haus in der Platanenstraße wohnte, übernahm das Scharwenkahaus, das vorher ebenfalls Verpflegungsstützpunkt war und möglicherweise bereits eine Weinstube hatte. Viele Prominente verkehrten dort, auch der Boxer Max Schmeling (1905-2005), der ja an den Wierichwiesen ein Haus hatte. Peters war gut bekannt mit ihm und wollte auch immer, dass er zum 50. Hochzeitstag nach Saarow kommt. Das wäre am 6. Juli 1983 gewesen, am 6. Juli 1933 hatte er die Schauspielerin Anny Ondra (1903-1987) geheiratet.

Überliefert ist, dass Wilhelm Peters nach der politischen Wende 1989 sehr beunruhigt war, dass Scharwenkas Erben auftauchen und Rückübertragungsansprüche für das Sommerhaus des Pianisten und Komponisten Xaner Scharwenka (1850-1924) stellen könnten. Er fürchtete sich vor jedem Auto, das vorfuhr. Im Haus befanden sich noch schriftliche Tonaufzeichnungen von Scharwenka und dessen Autobiografie. Noten und andere Utensilien wie eine Patronatsfigur wurden Ende der 1990er Jahre auf Märkten wiederentdeckt, wie Lutz Storr berichtete. Ein Teil der Noten wurde von der Scharwenka Stiftung zurück gekauft, die Patronatsfigur wurde auf einem Flohmarkt gefunden und ziert heute wieder den Hausgiebel.
Und was haben unsere Zeitzeugen im „Café Peters“ erlebt? Übereinstimmend erzählen sie, dass es hier in dem Gartenhaus, umgeben von viel grünem Gestrüpp, sehr gemütlich und ruhig zuging. Es gab viele Tischlampen, man saß eher im Halbdunkel. Die Gäste, vorwiegend Paare, kamen zum Wein und Bier trinken. Zum Essen gab es nur Kleinigkeiten. Der Chef, der Wilhelm Peters, galt als elegante Erscheinung, aber eher zurückhaltend, manche sagen „maulfaul“, manche sagen „freundlich“. Er sei eher faul gewesen, habe zwar die Gäste bedient, sich aber dann zurückgezogen. Über mehrere Spiegel soll er von der Bar aus einen guten Blick in die Räumlichkeiten gehabt haben. Auf seine Herkunft von der Wasserkante wiesen maritime Devotionalien wie Segelschiff-Modell und ein ausgestopfter Fisch hin, wie sich Klaus Rattemeyer erinnert. Seine Frau Bärbel hat hier im Januar 1963 mit ihren Kommilitonen von der Fürstenwalder Ingenieurschule Chemie Bergfest gefeiert. Das bezeugen Schwarz-Weiß-Fotos von lustig feiernden jungen Menschen. Als Renate Eichholz, deren Großmutter noch bei Xaver Scharwenka Klavierunterricht genommen hat, erzählt, dass Wilhelm Peters sehr oft Gäste der sowjetischen Besatzer in seinem Haus begrüßt habe, gibt es in der Runde ein bestätigendes Nicken. Alle wissen, „der hat viel mit den Russen geschachert“.
Eine ganz besondere Erinnerung an „Café Peters“ haben zwei Paare. „Besonders auf den Wirt geachtet haben wir nicht“, schildert Margit Heide schmunzelnd das erste Date mit ihrem heutigen Mann am 4. Januar 1981im „Café Peters“. Ihren Mathias hatte sie wenige Tage vorher bei einer Silvesterfeier kennengelernt. Das Paar erinnert sich, dass es recht dunkel im Café gewesen sei und sie fast allein gewesen wären. Das richtige Ambiente für Verliebte! Helga und Paul Edinger haben sich sogar im „Café Peters“ verlobt. Das genaue Datum wissen sie nicht mehr, irgendwann im Herbst 1960.
Später soll Wilhelm Peters noch Fremdenzimmer vermietet und dafür jeden Winkel, sogar den Schuppen (der steht heute noch) genutzt haben.
Ab etwa 1991 Jahre stand das Scharwenkahaus, das zu DDR-Zeiten als solches nicht bekannt war, leer. 2005 wurde es gesichert und entkernt, später dann umfassend saniert und 2014 als Scharwenka Kulturforum eingeweiht.

Wenige Tage nach dem Treffen, am 17. April 2026, besuchte Roswitha Lobeck mit ihrem Mann Franz – sie kommen aus Stralsund – das Scharwenkahaus. Die 73-Jährige wollte mal sehen, wie es heute hier aussieht. Denn als 17-Jährige hatte sie ihrem Großonkel Willi Peters, dem Betreiber des Café Peters, in den Ferien beim Kellnern in der Weinstube, am Ausschank hinterm Tresen und beim Bewirtschaften der Pensionszimmer geholfen. „Auch meine Mutter Hildegard war oft hier, um zu helfen“, erinnert sich die Seniorin, die das sanierte Haus gründlich inspizierte. Besonders an die Veranda konnte sie sich gut erinnern, die befindet sich ja heute wie damals an gleicher Stelle. Von ihrem Großonkel sagt sie, dass er viel selbst gebaut und verändert hätte. Über weitere Verwandte konnte sie keine Auskunft geben.